Fazit: erster Monat zurück im Beruf

Der erste Monat war kein Zuckerschlecken. Ja, ich habe mir in der Toilettenkabine die Tränen weggewischt. Ja, ich musste das Großraumbüro für einen Moment verlassen, um ruhig in den Bauch hineinzuatmen, mich zu erden und die Panik wegzudrängen. Ja, die Unruhe ließ mich nachts nicht einschlafen – Symptome, die ich von früher kenne und die sich mit der neuen Arbeitsstelle wieder gemeldet haben.

Hinzu kommt – leider – mein Drang, 150 Prozent zu geben, allen gefallen zu wollen und möglichst supermaximalenorm positiv aufzufallen. Ich bin – nicht nur auf der Arbeit – sehr gut darin, mir die unrealistischsten Ziele zu stecken, den Leistungsdruck unnötig hochzuschrauben, bis ich nur noch japsen kann. So bin ich in meinem alten Beruf zur Angststörung gekommen. Nun also wieder von vorne?

Das will ich auf jeden Fall verhindern. Und ich merke auch: Ich habe mich seit Beginn der Erkrankung verändert. Eines meiner liebsten Zitate von C.S. Lewis:

Isn’t it funny how day by day nothing changes, but when you look back, everything is different.

Recht hat er. Jetzt erst merke ich, dass ich – trotz des Stresses, den ich mir mache und der mich unter sich begräbt – unheimlich viel ruhiger bin als damals. „Schwer zu glauben“, könnten wohl alle beipflichten, die ich im vergangenen Monat mit meinen Sorgen und meiner Überforderung überladen habe (danke, dass es so wunderbare Menschen gibt!). Aber doch, wenn ich darüber nachdenke, sehe ich es ganz klar: Ich bin ruhiger als früher. Ich male mir eindeutig weniger worst case-Szenarien aus. Eine Kündigung ist für mich kein Gesichtsverlust mehr. Nicht das Ende der Welt. Meine Gesundheit geht vor – ich bin froh, dass ich das schreiben kann.

Woran ich arbeiten muss: Meine Überstunden begrenzen und konsequent nach acht Stunden aus dem Büro stürmen (super schwierig im Moment, ich gestehe).

Und: Nicht nur Ausgleich zur Arbeit finden, sondern auch tatsächlich Dinge umsetzen. Das heißt Sport (ihr würdet nicht glauben, auf wie viele Stunden Sitzen ich täglich komme! Schande, Schande), gesündere Ernährung (ja, ich tröste mich nach einem anstrengenden Tag mit Pizza und Schokolade. Ja, am nächsten Morgen fühle ich mich richtig mies), progressive Muskelentspannung (mir fällt gar nicht mehr ein, wann ich das zuletzt gemacht habe…), kreativer Ausgleich (ich will schreiben! So sehr! Warum ist der Weg vom Sofa zum Notizbuch so unüberwindbar?), Spaziergänge durch die Welt mit offenen Augen, anstatt gedanklich in der Arbeit festzustecken, und so unfassbar vieles mehr.

Wie erwähnt: Gesundheit kommt für mich an erster Stelle. Ich bin mir am wichtigsten. Endlich kann ich das sagen. Und das ist gut so.

Nach einem Monat bin ich mächtig erleichtert sagen zu können, dass es zwar langsam, aber kontinuierlich bergauf geht. Trotzdem liegt das Kündigungsschreiben auf meinem PC – mein Fluchtweg für alle Fälle. Allein dass es ihn gibt, beruhigt mich.

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8 Antworten auf „Fazit: erster Monat zurück im Beruf

  1. Das stimmt wohl, danke! Ich vergesse bloß immer so schnell, dass man auch mal „nur“ 100 Prozent geben darf. Muss. Wenn man auf Dauer gesund bleiben will.

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  2. Vielen Dank für deine mutmachenden Worte! Ich freue mich für dich, dass du so eine starke Besserung im Berufsalltag erleben durftest! Wie wunderbar! Und du hast Recht: Nie die Fortschritte aus dem Blick verlieren. Das passiert viel zu leicht…

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  3. „das Kündigungsschreiben auf meinem PC – mein Fluchtweg für alle Fälle“ … auch wenn du den Job verlässt, dich selber nimmst du mit in den nächsten.

    Du darfst weniger leisten, du darfst weniger Arbeiten, du darfst auch mal einen Fehler machen und du wirst erstaunt feststellen, dass du trotzdem geschätzt wirst 🙂 Trau dich ❤

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  4. Woah kann Dir sehr gut nachfühlen…all der selbstgemachte Streß, das nicht abschalten können und sich selbst nicht die Erlaubnis geben können kreativ zu sein.
    Bleib Dir selbst treu.
    Alles andere hat keinen Sinn 🙂
    Erholsames Wochenende wünsch ich Dir!

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  5. Ich wünsche dir ganz viel Kraft für die nächsten Monate und dass du den Blick dafür nicht verlierst, was du schon alles geschafft hast. Denn es ist nicht so leicht zu sehen, was für Fortschritte man schon gemacht hat. Und dass du das aber jetzt erkennst, kann dir hoffentlich künftig auch Halt geben! Aber ich habe das Gefühl, du setzt dir nun gesunde Ziele, um auf dich zu achten.
    Ich war in einer sehr ähnlichen Situation und habe mich auch sehr schnell wieder zurückgeworfen gefühlt. Unerträglich war es. Aber ein halbes Jahr später waren so viele Dinge auf einmal so viel besser geworden. Die Symptome, die ich in meinen ersten Monaten auf der neuen Stelle gezeigt hatte, waren zu einem großen Teil weg. Und ich hatte Vertrauen in mich aufbauen können. Und auch die Überstunden konnte ich wieder abbauen. Ja, nach 8 Stunden einfach zu gehen, war in den ersten Monaten extrem schwierig für mich gewesen. Heute kann ich das problemlos. Und ich mag das sehr. 🙂 Aber ich musste durch viele Erfahrungen und Überlegungen erst lernen, die richtigen und gesunden Prioritäten für mich zu setzen. Aber auch ich merke trotz vieler Rückschläge, dass ich auch schon viel weiter bin als „damals“
    Ich bin mir sicher, es wird für dich auch so sein, wenn du so weitermachst, wie du es gerade tust. 🙂
    Lieben Gruß!

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