Heute vor einem Jahr – Rehatalk #3

Heute vor einem Jahr war ich in einer psychosomatischen Klinik in Bayern. Von meinem Balkon aus habe ich auf die Stadt hintergesehen, auf der anderen Seite ragte der dunkle Wald in den Winterhimmel. Geschneit hatte es super früh und ich habe mich an diesem Ort sicher gefühlt. Der Alltag war weit weg und ich konnte mir nicht vorstellen, wieder zurückzukehren und mit meiner Erkrankung, dem drohenden Jobwechsel und allen Unsicherheiten allein zu sein.

Heute vor einem Jahr näherte sich allmählich meine Entlassung aus der Klinik. Das bedeutete: Abschlussgespräche mit den Therapeuten. Abschlussgespräche mit meiner Ärztin. Abschlussgespräche mit einer Sozialarbeiterin, die mich zum Thema Berufswechsel beraten sollte.

Ich hatte furchtbare Angst vor der Welt da draußen, gegen die ich fünf Wochen lang erfolgreich abgeschirmt war (es tat mir auf jeden Fall gut, aus meinem gewohnten Umfeld rauszukommen, weil ich Angst vor Unbekanntem hatte. Aber wie gut es ist, so abgeschirmt behandelt zu werden, ist eine andere Frage…). Innerhalb der vergangenen fünf Wochen hatte ich sämtliche Verantwortung aufgegeben. Ich musste nicht arbeiten. Nicht einkaufen gehen. Nicht über Geld nachdenken. Nicht darüber, wie ich meine Erkrankung möglichst gut verheimlich konnte. Das einzige, das von mir erwartet wurde, war die Teilnahme an den Therapien, Kursen, dem Sportprogramm und den Mahlzeiten. Und plötzlich waren sie da: Die Abschlussgespräche. Und ich hatte den Eindruck, dass von mir bloß gehört werden wollte, wie gut es mir nun ginge. Wie toll die Reha geholfen hätte. Ich hatte auch das Gefühl, dass mein Wunsch, meinen damaligen Arbeitsplatz aufzugeben, nicht ernstgenommen und ich zum Zurückkehren ermuntert wurde.

Ob das alles tatsächlich so war, oder ob ich es mir in meiner Angst und Überforderung bloß so zurechtgelegt hatte – das weiß ich nicht. Aber ich habe mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, im Rückmeldebogen ein kleines bisschen gegen die Art zu wettern, mit der man auf Biegen und Brechen als „gesund“ oder zumindest „gesünder“ entlassen werden sollte.

Die letzten Tage meines Rehaaufenthalts fassen aber auf keinen Fall meine Stimmung während der gesamten Reha wieder. Der Aufenthalt hat mir ungemein geholfen und ich merke, dass ich hier darüber noch gar nicht so ausführlich geschrieben habe, wie es mir wichtig wäre. Das wird nachgeholt!

Heute aber, ein Jahr nach dem Ende des Aufenthalts, geht es mir gut. Und ich wünschte, ich könnte meinem vergangenen Ich irgendwie tröstend über die Haare streichen und sagen, dass alle Ängste vor der Rückkehr in den Alltag unbegründet waren. Dass ich mich in einem Jahr wieder gut fühlen würde. Dass ich keine ausgewachsenen Panikattacken mehr haben würde. Bloß gelegentlich die Angst aufkeimen spüren würde (und mit gelegentlich meine ich… alles zwei Monate?). Dass mir die Entspannungstechniken, die ich während der Rehazeit mitbekommen habe, tatsächlich etwas bringen würden. Dass ich merken würde, wie viel Selbstbewusstsein ich durch den Aufenthalt bekommen habe. Dass dieses Gedankenwirren um meinen beruflichen Werdegang zwar etwa ein Jahr lang anhalten, aber letztendlich wunderbar zufriedenstellend aufgelöst werden würde. Dass der Mann an meiner Seite immer für mich da sein würde. Dass ich neue Freundschaften schließen würde! Dass ich meinen Wert entdecken und für mich einstehen würde. Dass ich glücklich sein würde.

Ich vor einem Jahr und ich heute: Dazwischen liegen Welten. Und unendlich viele Lektionen, für die ich dankbar bin.

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6 Antworten auf „Heute vor einem Jahr – Rehatalk #3

  1. Ich habe das Gefühl, in der Reha damals nur gelernt zu haben, wie man trotzdem weitermachen kann. Auf der einen Seite ist das viel, auf der anderen Seite zu wenig. Ich selbst hatte vielleicht nie den Anspruch jemals wieder gesund zu werden. Aber ich glaube andere haben das erwartet. Wie will man Menschen erklären wie es ist, mit einer Krankheit zu leben, die immer da ist, und von der die meisten nicht mal wissen, dass es eine ist?
    Ich finde es schwierig. Aber es ist machbar. Ich bin dankbar für die Zeit unter der Käseglocke, wie ich immer sage. Wenn die Realität zu hart wird flüchten sich meine Gedanken dorthin zurück.

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  2. Ich frage mich auch, ob man nach einem durchschnittlichen Rehaaufenthalt von 1-2 Monaten überhaupt erwartet, dass die Patienten optimistisch und um zig Probleme leichter wieder in den Alltag zurückkehren… Vermutlich ist den Fachleuten all das auch bewusst, aber was können sie denn schon machen? Nur wenn man sich wieder hinauswagt, kann man merken, welche Fortschritte man in der Rehazeit gemacht hat. Oder woran eben noch gearbeitet werden muss. Hm. Dennoch wäre etwas mehr ehrliche Unterstützung echt gut gewesen…
    Vielen Dank für deine Worte! 🙂

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  3. wow, das hört sich so toll an!

    ich war ja auch zwei mal in einer Klinik (allerdings in einer offenen psychiatrie für Kinder und jugendliche) und ich hatte jedes mal GENAU diese Gedanken und Gefühle wie du: dass sie nur hören wollen, dass es mir jetzt gut geht und ich es schaffen werde… und wenn ich mit diesen Gedanken in die abschlussgespräche bin, also mit den Gedanken, dass sie von mir jetzt nur noch positives erwarten… dann war ich immer so fertig mit den nerven, weil sich in mir drinnen alles plötzlich umgedreht hat und die spitze des Eisbergs auf einmal unter wasser am ertrinken war………

    im Endeffekt ist klar, dass diese ganzen Fachleute wissen, dass es einem nicht supergut geht und dass jeder (zumindest die meisten) mit einer gewissen angst und Beklemmung gehen…

    ich finde es toll, dass es dir geholfen hat. und ich finde es vor allem noch viel toller, dass du darüber berichtest… ich denke, es gibt vielen mut, die noch damit hadern in so eine Klinik zu gehen… (oder denen, die sich davor fürchten sie zu verlassen)..

    alles liebe (:
    mii

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  4. Vielen Dank für deine Worte! Da könntest du recht haben – Ehrlichkeit und Akzeptanz waren für mich ein wirklich großer, wichtiger (und beängstigender!) Schritt.

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  5. Jedes Mal, wenn ich einen deiner Texte lesen, denke ich, wie wunderbar du schreiben kannst und das sicherlich ein wichtiger Punkt, warum du jetzt so glücklich bist, ist, dass du so ehrlich mit dir selbst warst und bist. Sich seine Angst oder Ängste so sehr einzugestehen, dass man sagt, man lässt Hilfe zu, diesen Wust an Gefühlen immer und immer wieder zu durchleiden und schlussendlich Techniken für sich selbst mitzunehmen, kann sehr heilsam sein. Ich erkenne mich in deinen Texten/Gefühlen immer wieder und bin dankbar dafür, wenn andere einem zeigen, dass es immer einen Weg geben kann.
    Liebe Grüße von einem weiteren Angsthasen, der noch nicht alle Krisen überwunden hat.

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