Wir brauchen mehr Egoismus!

Das E-Wort war für mich schon immer ein Schimpfwort. Als maximal empathischer, selbstloser Mensch, der sich viel zu gern Verantwortung für jeden und alles aufhalsen lässt, nicht „Nein“ sagen kann und dauernd ein schlechtes Gewissen hat, habe ich diesen Begriff gefürchtet und von mir weggeschoben. Egoisten? Sind selbstversessen. Rücksichtslos. Finden es geil, ein Arschloch zu sein. Woher kommt diese Abneigung eigentlich? Und könnte es vielleicht – unter Umständen! Man weiß ja nie – Vorteile haben, sich selbst an erste Stelle zu stellen? 
Meine Definition von Egoismus war schon immer von zwei Punkten geprägt, die vermutlich die Ursache für meine Angst davor sind, jemals als egoistisch zu gelten.

a) „Egoist“ von Falco.
Ich wuchs als introvertiertes, liebes Maidl auf. Bin ich immer noch. No shame. Leider machte ich den Fehler, mich zu sehr über das Bild, das andere von mir hatten, zu definieren. Falco trällert „hab‘ ich den ganzen lieben Tag nur mich im Sinn“, und das scheint ganz und gar nicht zu diesem Bild zu passen.

Wo wir gelobt werden, da machen wir weiter. Das versuchen wir auszubauen. Weil dann vielleicht mehr Lob kommt. Und wie gut sich das doch anfühlt, wenn es einem wie Agavendicksaft mit Pfannkuchen den Hals hinuntergleitet. „Sieh nur, die Britta. Da geht sie schon wieder aus, obwohl ihre Mutter doch so krank ist“, haben die Nachbarn hinter vorgehaltenen Händen getuschelt und der Britta gemeine Blicke hinterhergeschossen. Oje. Sollte ich mir lieber nicht angewöhnen. „Sieh doch mal, wie stark die wieder geschminkt ist“, flüsterte Tabea ihrer Sitznachbarin in der Schule zu. „Wie selbstverliebt kann man sein?“ Augenrollen. Und ich speicherte ab.
Falco singt: „Ich habe über meinem Bett ’nen Spiegel angebracht, damit mein eig’nes Spiegelbild mir meinen Schlaf bewacht.“ Phu. Das ließ mir ja fast schon beim Hören die Schamesröte bis zum Haaransatz steigen. So selbstverliebt? Das kann man doch nicht bringen. „Liebe kommt von Lieben und ich fange bei mir an, mit ein bisschen Glück bist eines Tages du mal dran.“ Undenkbar. Undenkbar, sich vor andere Menschen zu stellen. Und sich selbst so geil zu finden? Unmöglich. Dachte ich.

b) Der Abschnitt, der uns online vom Duden zum Thema erklärt:
„1. [Haltung, die gekennzeichnet ist durch das] Streben nach Erlangung von Vorteilen für die eigene Person, nach Erfüllung der die eigene Person betreffenden Wünsche ohne Rücksicht auf die Ansprüche anderer; Selbstsucht, Ichsucht, Eigenliebe.“

Selbstsucht. Ichsucht. Kann nur schlecht sein. Ohne Rücksicht auf andere? Ellenbogendenken! Furchtbar. Wie unmenschlich. Dachte ich. Und ignorierte dieses unscheinbare Nomen am Ende der Definition: Eigenliebe. Hat doch ohnehin so einen negativen Vibe, oder nicht? Einen Beigeschmack von Selbstverliebtheit. Von zu viel Schminke auf dem Schulflur.

Weiter im Duden:
„2. (Philosophie) Lehre, Anschauung, nach der alles, auch das altruistische Handeln, auf Selbstliebe beruht.“
Gutes tun, nur weil es einem selbst gut tut? Klingt doch widerlich, oder? So richtig, als wollte man es sich von der Haut schütteln.

Und dann, Jahre später, hat es endlich – endliiich! – Klick gemacht. Allmählich kam mir gelegentlich auch das Wörtchen „Eigenliebe“ wieder in den Sinn, das der Duden schön unscheinbar ans Ende der Zeile gerückt hat.
Mit dem Alter kam die Weisheit und ich habe merken müssen, dass mich Egoismus zu einem besseren Menschen macht. Wer es noch nicht verstanden hat: Ich meine natürlich nicht die Ellenbogenassoziation, die einem mit dem Wort „Egoismus“ gleich in den Kopf hüpft. Nein, ich meine die absolut lebenswichtige Definition des Begriffs, die mich dazu bewegt, auf mein Inneres zu hören. „Nein“ zu sagen, wenn ich etwas oder jemanden gerade nicht in meinem Leben brauche – auch wenn es noch immer furchtbar schwer ist. Mir etwas gesundes zu kochen, obwohl eine Pizza doch viel schneller aufgebacken wäre (nichts gegen Pizza tho! Mein Körper will sie nur nicht jeden Abend), mir die schöne Jacke zu kaufen, obwohl das – oh Schande! – bedeutet, Geld auszugeben. Aber wofür arbeite ich denn, wenn nicht um mir auch mal etwas leisten zu können, das mir den Tag versüßt? Egoismus ist für mich ein Abend voller Netflix und einem Eimer Popcorn, weil mir nach einem langen Tag doch nicht danach ist, mit der Freundin auszugehen. Er ist ein aufwendiges Kunstwerk, das ich mir mit Lidschatten und Lippenstift ins Gesicht zaubern kann, wenn ich mich damit wohler fühle.
Er ist die Abwesenheit von schlechtem Gewissen, wenn ich mir etwas Gutes tue. Das mag sich für einige vielleicht ganz selbstverständlich anhören. Ich musste mir die Erlaubnis, zu mir zu stehen, mich an erste Stelle zu stellen, mich zu lieben und gut zu behandeln, erst erteilen.

 

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4 Antworten auf „Wir brauchen mehr Egoismus!

  1. Ja, der liebe Egoismus! Herzlich Willkommen, Egoismus! 😉
    Im Ernst: Egoismus ist für mich nicht gleich Egoismus. Denn es gibt ja auch einen gesunden Egoismus, der für jeden von uns quasi überlebenswichtig ist. Er beinhaltet die Selbstfürsorge und Selbstliebe genauso wie das „Nein sagen“ dürfen und für sich einzustehen.
    Was ja nicht bedeutet, dass man für meine Mitmenschen kein Mitgefühl mehr empfindet oder nicht mehr hilfsbereit ist – aber alles hat seine Grenzen. Wenn man sich selbst für andere nur aufopfert, schadet man am Ende sich selbst.
    Es ist nicht immer einfach, zu sagen, jetzt kümmere ich mich um mich und dann auch dementsprechend zu handeln.

    Gefällt 2 Personen

  2. Ein toller Artikel! Ich mache mich auch schon seit einer Zeit Gedanken über Egoismus, Selbstliebe und co. Ich hab, wie du, mir immer alles abgespeichert, was die anderen denn so denken, sodass ich ganz vergessen habe auf mich zu hören. Was will ich denn, finde ICH das schön? Ich bin dadurch extrem unsicher geworden. Dabei bin ich mir doch selbst am nächsten und weiß was gut für mich ist.

    Gefällt 3 Personen

  3. Hi Tatjana,
    Du hast recht in Deinem Beitrag. Mir ging es jahrelang genauso. Immer an andere Denken und für diese da zu sein, ist zwar schön, aber wenn man sic h vergisst, wird man krank.
    Ich bin mal nach meinen Bedürfnissen gefragt worden, meinst Du ich könnte dies beantworten?
    Von jedem in meinem Bekanntenkreis wüsste ich sie, aber meine nicht. Es war ein langes „Erarbeiten“ bis mir meine Gefühle klar wären.
    Ich habe gelernt zu unterscheiden zwischen „Egoismus“ und „Selbstfürsorge“. Von Donald Trump habe ich nicht viel gelernt, werde auch keine politischen Meinungen im Netz kund tun aber für mich gilt, wenn auch nicht immer einfach: „Frank(y) First!“

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  4. Das ist eine gesunde Einstellung. Was nutzt es, wenn du immer nur an andere denkst und irgendwann am Ende deiner Kräfte bist? Wir haben alle das Recht auf ein bisschen Spaß am Leben 😉

    Gefällt 4 Personen

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