Positives Denken ist the shit. Wirklich

Gelegentlich bin ich verwundert darüber, wie viel sich in knapp anderthalb Jahren verändern kann. Vor allem, wenn es um die mentale Einstellung und die Pfade geht, die die eigenen Gedanken nehmen. Ein bisschen macht es mich auch traurig. 

Woher die Trauer bei so einem positiven Thema rührt? Nun ganz einfach: Scheinbar stimmt dieses Märchen, das der Wind uns immer wieder entgegenträgt – „Du bist was du denkst“, „Du kannst deine Gedanken bewusst steuern.“ Und das bedeutet, dass ich so viele Bedenken und Sorgen, die ich mit mir herumgetragen habe, schon Jahre (vielleicht gar ein ganzes Jahrzehnt!) eher aus meinem Leben hätte bannen können. So viel verschwendete Zeit und Energie in Grübelsümpfen und immer diesen Was-wäre-wenns.

Aber die Vergangenheit ist vorbei und ihr nachzuhängen macht die Zukunft auch nicht güldener. Womit wir auch schon bei der ersten Regel zum positiveren Denken angelangen:

Heute ist weder gestern noch morgen. Heute ist heute

Es gibt so viele Dinge, die während meiner Schulzeit passiert, oder nicht passiert sind. Dinge, die ich gern anders gemacht hätte. Die ich gern überhaupt gemacht hätte. Gelegentlich denke ich an Momente zurück, in denen ich hätte anders handeln wollen. Oder ich denke an Gespräche, die vor wenigen Wochen stattgefunden haben. Warum ist mir nicht dieses und jenes Wort eingefallen? Weshalb konnte ich nicht so oder so kontern? Warum habe ich an dieser Stelle nicht gelacht? Warum habe ich gelacht? Hätte ich doch, könnte ich doch, wäre ich doch.

Wenn wir geistig in der Vergangenheit feststecken – leben wir dann noch?

Nein. Warum bürden wir uns diese Last auf? Sobald die Gedanken ihre Vergangenheitsreise antreten, muss für mich ein tiefer Durchatmer her. Augen schließen, kurz sammeln und realisieren: Dass ich mich nun gedanklich in der Vergangenheit aufhalte, verändert nichts. Nichts kann ungeschehen gemacht werden.
Dagegen verändert das Abschweifen in vergangene Zeiten durchaus die Gegenwart. Und die Gegenwart ist nun mal die einzige Zeit, in der wir etwas verändern, etwas machen, etwas lernen, etwas bewirken können. Verbringen wir diesen Moment geistig im Gestern, dann verschenken wir ihn. Leben wir dann noch? Ich finde: Nein.
Also zurück in die Zukunft! Wann immer die Gedanken in die Vergangenheit wandern: Tief durchatmen und merken: Die Vergangenheit ist vorbei. Ich lebe in diesem einen Moment.

Den anderen bin ich herzlich egal

Die „anderen“ sind in diesem Fall nicht Freunde oder Familie (denen bin ich hoffentlich nicht egal). Sondern all die Menschen im Supermarkt, auf der Straße, in der Bahn, im Büro, die im Grunde keine Rolle in unserem Leben spielen aber uns trotzdem so wichtig zu sein scheinen, dass wir uns auf keinen Fall blamieren möchten.
Ich kann gar nicht aufzählen, die oft ich mich gefragt habe, was wohl irgendeine fremde Person, der ich nie wieder begegnen würde, über mich denken könnte. Weshalb der Stress? Bringt mich diese Unsicherheit weiter? Nein. In keinerlei Hinsicht. Wenn ich mich heute beim Gedanken über die Meinung, die ein Fremder von mir haben könnte, ertappe, dann erinnere ich mich daran: Bringt mir nichts, kostet nur meine Zeit und Energie. Und: Ich sehe die Person nie wieder. Falls doch, haben wir uns ohnehin schon vergessen.

Die Mundwinkel hochziehen und bisschen Zähne zeigen (auch: „Lächeln“)

Vor einigen Monaten hatte ich eines morgens beschlossen, einen guten Tag zu haben. Einfach so. Ich habe einen Spaziergang gemacht und tief durchgeatmet und den Wind auf meiner Haut bewusst wahrgenommen und den Vögeln zugehört und die Augen geschlossen und gelächelt. Ich habe die Leute auf der Straße angesehen. Ich war im Fitnessstudio und habe netter und optimistischer gegrüßt, als sonst. Ich habe versucht, meine Aufmerksamkeit bewusst auf die schönen Kleinigkeiten zu lenken, die ich üblicherweise übersehe. Und was soll ich sagen, es war toll! So viele Menschen haben zurückgelächelt. Ich wurde gegrüßt. Ich habe sogar Schokolade geschenkt bekommen!

Merke: Fake it til you make it. Wenn ich mir einbilde, ich hätten einen tollen Tag, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass der Tag tatsächlich toll werden wird.

Alles hat eine positive Seite

Wenn man darüber nachdenkt, dann lässt sich aus so gut wie jeder noch so negativen Situation etwas Positives ziehen. Sei es eine Lektion, oder ein lieber Mensch, den man in dem Moment kennengelernt hat.
Zu Beginn meiner Angsterkrankung wünschte ich mir bloß, alles sei vorbei. Ich hätte lieber einen gebrochenen Arm – weil da eine Heilung so absehbar schien. Nichts, das ich davor in meinem Leben erlebt hatte, war so fürchterlich für mich. So vermeintlich endgültig.
Aber dann, als ich damit begann, an der Erkrankung zu arbeiten und erste Fortschritte sah, die meine Stimmung heller werden ließen, dann merkte ich: Im Grunde war das vergangene Jahr eine einzige dicke, fette Lektion für mich. Ich war ein gewaltiger Stressball. Andauernd kreisten dicke Sorgenwolken um meinen Kopf, ich konnte nicht Nein sagen, ich habe ungesund gelebt, wollte alles gleichzeitig machen und bloß nie delegieren – nebenher analysierte ich jeden Moment und überlegte, wie ich wohl gerade auf wen wirkte und was ich sagen sollte, um einen guten Eindruck zu machen, um Menschen, die für mich nicht wichtig waren, zu gefallen.

Ich funktioniere nicht, wenn ich es muss. Sondern wenn es mir gut geht.

Die Agoraphobie hat mich gelehrt, dass das nicht geht. Dass ich mich beruhigen, sammeln und vor allem auf mich konzentrieren muss. Nur wenn es mir gut geht, kann ich dauerhaft motiviert und erfolgreich sein. Nur dann kann ich meine Freunde und Familie so behandeln, wie sie es verdienen. Nur dann kann ich mich selbst annehmen und selbstbewusst durchs Leben schreiten. Hätte ich die Angsterkrankung nicht bekommen – wer weiß, wie lange ich mein altes Leben ausgehalten hätte. Vielleicht stünde in zehn Jahren der Burnout bevor. Dann nehme ich doch lieber mit Mitte Zwanzig diesen Umweg in kauf und öffne mal die Augen. Klar ist heute nicht alles dauerrosa. Aber ich weiß auch nicht, wann ich zuletzt so oft so glücklich und mein Kopf so regelmäßig federleicht war.

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Eine Antwort auf „Positives Denken ist the shit. Wirklich

  1. Ein sehr schöner Text. Viele wichtige und richtige Einsichten! Bleibe da dauerhaft dran! Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass eine behandelte Angsterkrankung bzw. die Umstellung der Lebensgewohnheiten nicht von alleine vor Burnout oder auch Herzinfarkt schützt.

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