Jobsuche, Angst und Ehrlichkeit

Gestern hatte ich wieder ein Bewerbungsgespräch. Was soll ich sagen, ich war furchtbar nervös. Nicht nur, dass ich diesen Job so gerne wollte. Ich hatte auch noch etwas vor, das ich vor einigen Wochen um keinen Preis getan hätte: Ehrlich zu meiner psychischen Erkrankung zu stehen. Und so lief es ab.

Vielleicht wisst ihr ja, dass ich aus der Medienbranche komme. Nachdem mich die Angsterkrankung aus meiner Karrierebahn geworfen hatte, wollte ich von vorne anfangen und wer weiß, vielleicht sogar eine neue berufliche Richtung einschlagen? Ich hatte beschlossen, die Erkrankung als Chance und nicht als Hindernis zu sehen.

Nach langem Hin und Her und angestrengtem Planen und Fühlen und Reden und Überlegen bin ich zu dem Schluss gekommen: Ich war schon Journalistin, als ich mit 17 bei der Lokalzeitung angefangen habe. Ich war es während all meiner Praktika während der Studienzeit. Ich wollte nie etwas anderes sein und ich bin es immer noch. Mit Leib und Seele. Es fehlt mir einfach so, so sehr. Zu sehr, um mich davon zu trennen.
Also war die Sache klar: Ich bleibe meiner Branche treu.

Keine Lust mehr auf Ausflüchte

Gut. Gestern. Bewerbungsgespräch. Lokales Newsmedium. Habe mich vorbereitet, fand die Agentur toll, alles super, alles geil. Ob ich nervös war vor dem Gespräch? Himmel, ja! Ich wollte keine Ausflüchte mehr erfinden, wenn mich ein möglicher Arbeitgeber nach meinem abgebrochenen Volontariat im Lebenslauf fragen sollte. Das fühlte sich nicht gut an. Und das Verheimlichen baute bei mir Druck auf: Bloß nichts anmerken lassen. Bullshit. Ich will doch mit Tabus brechen! Und zu meiner Erkrankung zu stehen, ist dabei Schritt eins.
Als also die Frage nach dem Bruch im Lebenslauf kam, habe ich sie ehrlich und souverän beantwortet. Erklärt, dass das eine lehrreiche Zeit in meinem Leben war. Dass ich nun voll einsetzbar sei. Dass alles gut ist. Bis auf das Autofahren. Das wollte der Chef wohl nicht hören. „Sie fahren nicht Auto?“, er war zugegeben sehr erschüttert. Was mich wunderte, immerhin habe ich mich auf die einzige Stelle in der Agentur beworben, die keinen Führerschein und kein Auto in ihren Anforderungen aufführte. Tja. Ab dem Moment war das Gespräch eigentlich gelaufen. Ich wurde an den Chef der Onlineredaktion weitergeleitet, mit dem ich mich super unterhalten habe – auch über die Angst, über das Autofahren. Alles gut. Aber ich weiß, dass ich die Position nicht bekommen werde (bei über 1000 Bewerbungen werden sie wohl kaum die eine Person nehmen, die nicht auf die Autobahn auffahren will).
Ich war stundenlang wütend. Auf die Agentur. Auf mich. Auf das System. Auf die Autobahn. Ich wollte diese Utopie, die ich mir an dem möglichen Arbeitsplatz ausgemalt hatte. Im Grunde war ich enttäuscht, dass mein Traum zerplatzt war. Ein schwacher Trost ist immerhin, dass die Bezahlung ohnehin eine Beleidigung ist (aber die katastrophale Unterbezahlung von Redaktionsvolontären gehört vermutlich nicht auf diesen Blog) – also hätte ich den Job wohl auch nicht angenommen, wenn sie mich auf Knien angefleht hätten.

Eigentlich… ist es super gelaufen ¯\_(ツ)_/¯

Heute, einen Tag später, sehe ich aber endlich das Positive an dem gestrigen Bewerbungsgespräch.
Ich habe einen (für mich) gewaltigen Schritt gemacht, um nicht mehr zur Tabuisierung von psychischen Erkrankungen beizutragen. Offenheit ist der Schlüssel. Und ich habe meinen Job gut gemacht.
Überhaupt habe ich das Gespräch gerockt. Ich war super. Und das kann ich nun frei und ehrlich sagen, ohne mich wie eine Angeberin zu fühlen. Ich habe gerockt! Das Ding bei mir ist, dass mich die Nervosität vor so einem Moment fast umbringt (vor allem seitdem ich weiß, was wahre Angst, was wahre Panik ist). Aber wenn es so weit ist, ist alles wie weggeblasen. Ich bin in meinem Element, mein Kopf ist klar. Ich bin witzig, charmant, eloquent, kann Wissen und längst vergessene Anekdoten abrufen. Bisher habe ich noch in jedem Bewerbungsgespräch gehört, wie sympathisch und motiviert ich wirkte – und mich tierisch darüber gefreut.
Fast will ich mich jetzt für so viel Eigenlob entschuldigen. Aber wisst ihr was? Unter meinen Entwürfen schlummert ohnehin ein Beitrag mit dem Arbeitstitel „Wir brauchen mehr Egoismus!“ – darüber werden wir also schon noch reden ;-]

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10 thoughts on “Jobsuche, Angst und Ehrlichkeit

  1. Das ist vermutlich auch so ein Überbleibsel in meinem Kopf, den eine verkorkste Gesellschaft hinterlassen hat: dass Egoismus negativ ist und Eigenlob stinkt. Vor allem Frauen gelten schnell als Angeberinnen, während Männer für ihre Erfolge bewundert werden. Aber ich arbeite daran 🙂

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  2. Danke für den Teil „Heute, einen Tag später“… sonst hätte ich ihn dir geschrieben 🙂

    Eigenlob ist super und hat nichts mit Egoismus zu tun. Bestätige und bestärke dich in deinen Talenten, ist der Sinn deines Seins nicht deine Talente auszuleben?

    Egoismus? von mir aus, aber dann ohne den negativen Unterton. Sorge für dich selber (das ist Egoismus) und du nimmst dennen die dich lieben eine Last ab 🙂

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  3. Respekt für Deinen Mut!
    Hab es auch schon oft genug erlebt, dass man mit psychischen Handicaps immer wieder ausgegrenzt wird. Viele können es gerade bei den Angsterkrankungen auch nicht wirklich nachvollziehen.
    Da braucht es viel mehr Wertschätzung und Achtung den Menschen gegenüber – nicht nur in der Arbeitswelt.
    Du hast zu Dir gestanden und das ist wirklich bemerkenswert!

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  4. Das ist ja stark, dass du ehrlich warst und die Stelle bekommen hast – das klingt nach einem sehr offenen Arbeitgeber; super! Vermutlich ist die Ehrlichkeit auch ein tolles Hilfsmittel bei der Arbeitgeberauswahl – wenn jemand so ein Problem mit psychischen Erkrankungen hat, dann will ich da vielleicht gar nicht arbeiten…

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  5. Liebe Tatjana, ich beglückwünsche dich zu diesem Schritt, der mit Sicherheit noch ein weiterer Meilenstein für dich war! (: Ich hatte bei dem Vorstellungsgespräch für meine Ausbildung auch >>reinen Tisch<< gemacht. Die Ehrlichkeit kam super an, wurde bewundert und geschätzt. Und man hat sehr verständnisvoll reagiert und mir trotzdem die Stelle gegeben. Ich hoffe dass sich auch bei dir noch die Ehrlichkeit bezahlt machen wird und du in ein tolles Team kommst.
    Ganz liebe Grüße (:

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  6. Ich hatte beim Lesen echt Gänsehaut und hab mich nach dem Lesen SO ermutigt gefühlt! Danke, dass du so aktiv gegen dieses negative Stigma beiträgst. Ich finde dich große Klasse!! Und hey, wenn es mit der Stelle nicht klappt – wer weiß, welche andere Tür sich dafür öffnet. Oder welches Fenster. Oder Schlupfloch. Das Leben hat manchmal merkwürdige und schöne Überraschungen parat.
    Licht und Liebe!

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  7. Vielen Dank für deine Worte! Ich werde diesen Weg auf jeden Fall weitergehen. Es ist so ein befreiendes Gefühl, „einfach“ ehrlich zu sein. Und wer weiß, vielleicht verändert sich bei dem einen oder anderen Menschen, dem ich so begegne, tatsächlich ein bisschen etwas an der Denkweise 🙂

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  8. Hey, du bist echt mutig! Ich finde es toll, dass du ehrlich warst, auch wenn es mit dem Job (vielleicht?) nicht geklappt hat. Ich wünsche mir, dass mehr Leute diesen Mut haben und offen mit psychischen Krankheiten umgehen.

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