Unterforderung: Ich 2.0

Als ich nach acht Monaten Genesung beschlossen hatte, mich wieder auf den Arbeitsmarkt hinauszutrauen, standen für mich zwei Dinge fest:

a) In meinem alten Job würde ich nicht weiterarbeiten können. Der Fahrzwang machte es mir unmöglich (zu dem Zeitpunkt konnte ich kaum als Beifahrerin im Auto sitzen, geschweige denn selbst durch die Stadt, oder gar über eine Autobahn steuern).

b) Es musste etwas sein, das mir möglichst wenig Verantwortung abverlangte. Der Gedanke, dass sich andere auf mich verlassen müssten, baute so viel Druck in mir auf, dass ich den Stress und die Angst nur so überschwappen spürte.

Ein Job ist nicht mehr als das – ein Job.

Ergo: Ich suchte in dem Bereich, den ich aus Nebenjobs zu Studienzeiten zur Genüge kannte, und in dem ich mich als optimistische Studentin wohl und sicher gefühlt hatte – im Verkauf. Früher hatte ich sowohl in einer Bäckerei, als auch in einem Reformhaus meine Brötchen verdient (literally!). Durch die glückliche Fügung verschiedener Umstände, bin ich in einem süßen veganen Laden gelandet. Zwar bin ich während meiner Schichten allein (Verantwortung!), aber nach den ersten angsteinflößenden Versuchen habe ich gemerkt: Das schaffe ich. Seitdem habe ich mich deutlich beruhigt und der Gedanke, dass mich die Panik während meiner Schicht überkommen könnte, verängstigt mich längst nicht mehr. Ich liebe diese neue Ruhe und Gelassenheit, die sich an vielen (noch nicht allen) Stellen meines Lebens angesiedelt hat.

Alles gut. Ich probiere mich aus. Ich lerne: Ein Job ist nicht mehr als das – ein Job. Ich muss ihn nicht in den Feierabend mittragen. Ich muss außerhalb der Arbeitszeiten nicht darüber nachdenken, keine Probleme lösen. Warum sollte ich? Für diese Zeit werde ich doch gar nicht bezahlt! Meine Gesundheit geht immer noch vor. Wenn ich mich auf der Arbeit physisch schlecht fühle, dann kann ich gehen (bisher noch nicht eingetreten, aber ein tröstender Gedanke). So einfach ist das. Und doch früher ein unvorstellbares Szenario. Früher war Arbeit für mich mein Alles. An erster Stelle. Immer. Wundert sich noch jemand, dass sich die Panik in meinem Leben häuslich einrichten konnte? Ich nicht.

Ich dachte, mein Leben sei vorbei. Nur noch Rumvegetieren. Und Angst.

Alles gut. Die neuen Erkenntnisse haben mir so viel Kraft und Mut gegeben. Und Glück! Ich liebe mein Leben – das sagen zu können, macht mich noch glücklicher. Denn vor genau einem Jahr hätte ich mir nicht vorstellen können, jemals wieder aus diesem dunklen Loch kriechen zu können. Ich dachte, mein Leben sei vorbei. Nur noch Rumvegetieren. Und Angst.

Und nun? Ich fühle mich in dem Job unterfordert. Was mich nicht überrascht, denn ich wollte es einst doch gar nicht anders. So war es geplant. Aber ich sehne mich auch nach meiner alten Tätigkeit. Nach eigenen Projekten, für die ich die Verantwortung trage. Nach spannenden Menschen und ihren Geschichten. Nach Deadlines. Nach Konferenzen, in denen ich mit Herzklopfen von meinen Ideen erzählen kann.
Diese Sehnsucht freut mich nur noch mehr, denn für mich ist sie das ultimative Zeichen dafür, dass ich großen Fortschritt gemacht habe. Vor einem Jahr hätte mich das alles noch furchtbar überfordert. Ich hätte bei dem Gedanken an so einen Job weinend auf dem Sofa gesessen.

Es ist ein tolles Gefühl, eine verbesserte Version zu sein.

Heute sitze ich bei dem Gedanken auch weinend auf dem Sofa, das muss ich gestehen. Aber das sind Tränen der Freude und Erleichterung. Weil ich nicht fassen kann, wie viel sich in einem Jahr getan hat.

Nein, ich bin nicht mehr „so wie früher“ – ich weiß noch, wie ich mir das in meinen ersten Therapiesitzungen gewünscht hatte. Dass alles so sein solle, wie vor der Angsterkrankung. Ich wurde heruntergefahren, habe mich geuploaded und wieder hochgefahren. Es ist ein tolles Gefühl, eine verbesserte Version zu sein. Und noch toller ist das Wissen, dass ich mir das selbst erkämpft habe. Es war hässlich, ja. Aber so worth it.

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11 thoughts on “Unterforderung: Ich 2.0

  1. Danke für deinen Kommentar! Ja, so eine Angsterkrankung lässt sich nicht über Nacht heilen – mit welcher Krankheit klappt das schon? Aber die akuten Phasen lässt man auf alle Fälle hinter sich und lernt mit der Zeit, besser mit den Angstsymptomen umzugehen. Es ist Arbeit, aber alles machbar! 🙂

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  2. Es freut mich, deinen Blog gefunden zu haben. Ich habe den Eindruck, dass Angst im Kern von so vielen psychischen Erkrankungen steht. Ich hatte eine Störung aus den schizophrenen Formenkreis und auch ich hatte (einfach) unheimliche Angst, auch wenn ich in der Akutphase keine Worte dafür hatte. So diffus sie ist, so schwierig ist sie zu behandeln, da sie zum normalen Empfinden dazugehört.
    Also, schön zu hören, dass sich da einiges tun kann und man wieder zu einem ausgeglichenen Zustand kommen kann auch nach akuten Phasen.

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  3. Huhu, ich finde es gut, wie offen du über deine Gefühle schreibst. War sicherlich kein leichtes Jahr. Ich frage mich oft, wie andere Menschen durchs Leben gehen. Mein Vater hat Angststörungen und mein Bruder und ich haben dadurch leider auch vor vielem Angst. Aber wenn man sich bewusst wird, dass es nicht logisch ist, kann man zumindest dagegen arbeiten. Wenn mir mal die Decke auf den Kopf fällt, wird mir bewusst, dass viele Probleme menschengemacht sind: Prüfungsangst, Scham, Existenzangst, Streit, Karrierebestrebungen.. Denn wenn ich mich in der Natur umsehe und z.B. Eichhörnchen beobachte, kommt mir unser Verhalten albern vor. Wir Menschen haben ein vergleichsweises langes, behütetes Leben in den westlichen Ländern. Und weil uns langweilig ist, wird es mit Bürokratismus, Konsum und künstlichen Strukturen überfüllt. Das Leben ist zu schade, um es mit negativen Gedanken zu füllen. Deswegen genieß die Zeit mit deinem Freund und leb dein Leben mit deinem eigenen Rhythmus.
    Liebe Grüße
    Jenny

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  4. Das kann ich total nachvollziehen! Mich strengen Menschen (v.a. Fremde) im privaten Bereich auch an und ich brauche meinen Rückzug, um Kraft tanken zu können. Seltsamerweise kann ich das aber super vom Arbeitsalltag trennen. Wenn ich arbeite, bin ich ein anderes Ich^^ Da lasse ich Kritik nicht an mich ran, bin recht ruhig und sehr geduldig (im Gegensatz zum privaten Alltag, haha).
    Ich finde es aber super nett von dir, dass du dennoch im Winter/ Frühling mitarbeitest
    – obwohl es dich anstrengt. Welche Art Laden hat deine BFF? 🙂

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  5. Im Verkauf arbeiten ist für mich der Schrecken schlechthin. Deshalb – Hut ab, dass es bei Dir so cool läuft! 🙂
    Ich helfe im Winter/Frühling immer aus Freundschaftsgründen im Laden meiner BFF aus und es ist jedesmal so völlig erschöpfend, nicht zusammenzurollen und sich zu verstecken … Massen von Fremden, die auf mich herabsehen, die ihre Launen an mir auslassen, die mich für unfähig halten … *grusel*

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  6. „So sein wie früher“ – verrückt, das habe ich mir in den ersten Therapiesitzungen auch immer gewünscht. Und nun, nun weiß ich, dass früher nicht mehr wichtig ist. Anders sein ist nichts schlimmes mehr. Man kann ja auch besser als früher werden 😉
    Spannend zu lesen, dass sich Gefühle so ähnlich sein können. Danke, dass du bei mir gelesen hast, so konnte ich deine tollen Texte finden. 💕

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  7. Respekt für Deine Fortschritte! Ich wünsche Dir im neuen Job viele schöne Begegnungen mit Deinen Kunden – manchmal haben auch die ganz spannende Geschichten zu erzählen. Wer weiß, was sich da noch Schönes raus entwickeln kann, vielleicht ein eigenes Projekt, was Du jetzt nur vage erahnen kannst… Viel Freude beim Entdecken. LG

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  8. Alle Emotionen durchlebt beim Lesen. Ach, ich freue mich so sehr für dich, dass du diesen Schritt gemacht hast (mit tausend anderen Schritten davor) und es so gut klappt! Da wird mir ganz warm ums Herz. Schicke dir Licht und Liebe!

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