Ohren auf gegen die Angst

„Die Musik hat eine wunderbare Kraft, in einer unbestimmten Art und Weise die starken Gemütserregungen in uns wieder wach zu rufen, welche vor längst vergangenen Zeiten gefühlt wurden.“ Think about it. Wie wahr das doch ist. 

Das war wohl Darwin, der eines meiner liebsten Zitate in die Welt gegeben hat (gleich nach Kafkas „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“ und C. S. Lewis‘ „Isn’t it funny how day by day nothing changes, but when you look back everything is different“).

Musik war mir schon immer unheimlich wichtig. Als Kind wuchs ich noch mit dem Flötenunterricht in der Grundschule auf, bei dem ich es aber nicht belassen habe, sondern der mich in eine Flötengruppe in unserem Dorf geführt hatte. Neben der obligatorischen Sopranflöte habe ich mir also bald auch eine Alt- und Tenorflöte gegönnt. Uncool? Nein, jede Menge Spaß! Und eine gute Gelegenheit, meine kindliche Schüchternheit ein wenig aufzulockern. Ich konnte meine Lieblingsmelodien selbst kreieren. Nicht einfach mit meinem Körper, meinen Händen, meinen Stimmbändern. Nein, ich hatte dieses verrückte Ding, das Geräusche machte und das ich dazu bringen konnte, mich in ferne Welten zu transportieren. Eine unheimliche Bereicherung war das und es macht mich tatsächlich traurig, dass das für meine jüngeren Schwestern in der Schule nicht mehr Pflichtprogramm war.

Ich musste sie nicht anbetteln, nicht anrufen, nicht mit zweideutigen Anspielungen zu mir locken.

Die Faszination fürs Geräuschemachen hat mich später in den Gitarrenunterricht getrieben, der – nun ja, ich war in einer schwierigen pubertären Phase – leider nur mittelmäßig erfolgreich war. Und dann war da noch dieses Weihnachtsfest, an dem ich mein Keyboard bekommen habe. Hach. Allesamt wundervolle Erinnerungen. Und wundervolle Stunden, die ich allein in meinem Zimmer mit einem Haufen Notenblätter verbracht habe. Musik war stets wie eine gut gewürzte, wärmende Suppe nach einem langen Spaziergang an einem Novemberabend. Sie half meiner Seele immer wieder auf die Beine. Bei Liebeskummer, Streitereien mit Freundinnen, Schulstress, Zukunftsängsten. Die Musik war immer da. Ich musste sie nicht anbetteln, nicht anrufen, nicht mit zweideutigen Anspielungen zu mir locken.

Musik gab mir die Erlaubnis dazu, meine Gefühle zu akzeptieren und zu leben.

Meine CDs waren da. Was mir das Musizieren zu Schulzeiten, war mir die CD-Sammlung während des Studiums. Coldplay, die Red Hot Chili Peppers, die Goo Goo Dolls, the Velvet Underground, die Beatles, Miike Snow, die Arctic Monkeys, Florence and the Machine und so so so so viele mehr haben das Trösten übernommen. Es ist verrückt, wie Musik uns berührt. Wie ich stundenlang auf meinem Bett liegen und einem Album lauschen konnte. Wie mich die eine Stimme beim Suhlen in meiner Melancholie unterstützte, wenn ich das gerade nötig hatte. Oder wie mich eine andere aus der schlechten Laune herausholte und unheimlich motivierte. Wie ich zu einer anderen meine Wut rauslassen konnte. Musik gab mir die Erlaubnis dazu, meine Gefühle zu akzeptieren und zu leben.

Vor einigen Monaten habe ich gemerkt, dass ich meine CD-Sammlung schon seit Jahren nicht mehr angefasst habe. Das mag nichts ungewöhnliches sein. Aber für jemanden, der seine Gefühle immer nach innen kehrt, ist es das wohl doch. Denn mit Musik konnte ich in meinem stillen Kämmerlein die Tränen weinen, die sich aufgestaut hatten. Die Wut ins Kissen schlagen, die Sorgen vergessen.
Ohne Musik scheint mir der Schlüssel zu meinem Innenleben zu fehlen. Das Zweitstudium, der Job, die Zukunftspläne, der Stress – das alles hat mich das vergessen lassen. Wie lange habe ich schon alles in mir eingesperrt, einfach in mich hineingegessen? Vielleicht ein weiterer Katalysator meiner Angststörung?

„Die Musik hat eine wunderbare Kraft, in einer unbestimmten Art und Weise die starken Gemütserregungen in uns wieder wach zu rufen, welche vor längst vergangenen Zeiten gefühlt wurden.“ 
Ich träume mich zu gern zurück zu Augenblicken, in die mich ein Song entführt. Zurück zu einem Sonnenuntergang auf dem Berg hinter meiner WG. Zurück in den dunklen Wald, den wir mit Taschenlampen durchquert haben (während die Lichtkegel vor Angst zitterten). Zurück zu meinen liebsten Laufstrecken. Zu einsamen Nachmittagen in meinem Zimmer. Zu Optimismus und tiefster Trauer. Dieser Gefühlswirrwarr! Unglaublich anstrengend, aber unheimlich heilsam. Wie Balsam. Wie eine warme Suppe in meiner trockenen, unterkühlten Kehle.
Ich merke: Da ist so ein weites Gefühlsspektrum in mir. Und ich habe das alles schon gefühlt! Ich darf das fühlen; vor allem, weil es mir danach besser geht.

Ein Hilfsmittel auf dem Weg, besser mit der Angststörung zurechtzukommen?
„Lights will guide you home. And ignite your bones. And I will try to fix you.“ Chris Martin macht einen ziemlich guten Job, tbh.

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3 thoughts on “Ohren auf gegen die Angst

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