Der Glanz der Vergangenheit

In schwachen Momenten erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich Coldplay höre und mich in die Vergangenheit zurücksehne. Weil damals alles wundervoll und heil war. War es das?

Ich muss schon sagen, Coldplay haben die Kombination aus traurig-melancholischem Gesang und Musikvideo wahrlich gemeistert. Stundenlang könnte ich darin versinken und dabei eine Träne nach der nächsten verdrücken, während – zu der Musik und dem Video auf dem Bilschirm – in meinem Kopf mein eigenes Filmchen abläuft: das von der guten alten Zeit.

Die unbeschwerten Studientage. In denen die größten Sorgen zu sein schienen, wie ich innerhalb einer Nacht für die Sozialwissenschaftsklausur lernen sollte. Wen ich für das Mittagessen in der Mensa anpumpen konnte. Wie ich meinen nächsten Praktikumsplatz sichern wollte. Und dann erst die Zeit nach dem Studium, als alles unter Dach und Fach war und eine verheißungsvolle Stelle auf mich wartete. Zunächst hatte ich aber noch fast ein Jahr Freilauf. Der in einer der schönsten Städte Deutschlands verlebt werden konnte. In einer herrlichen Wg. Mit einem Nebenjob, der mal super, mal furchtbar war, aber immerhin mit der besten Kollegin der Welt. Ausgedehnte nächtliche Gespräche beim Spaziergang durch die erleuchtete Innenstadt. Radtouren am Fluss entlang und durch Weinanbaugebiete. Waldwanderungen. Und das Überraschtwerden vom Regenschauer. Flüchten in verlassene Waldhäuschen und lachen, lachen, lachen. Alles schien so sorglos. So einfach. Die Welt schien zu passen. „Ist doch gar nicht so schlimmt“, dachte ich, wenn ich mich daran erinnerte, wie Lehrer und Eltern einem schon immer eingebläut hatten, dass das Leben nach der Schulzeit erst so richtig anstrengend würde. Es war super. Es war, wie nicht endende Sommerferien.

Zumindest kommt es mir heute so vor, wenn ich daran zurückdenke, während Coldplay mir vorsingt, wie lost ich bin.

Woran ich nicht denke: Die Mühe, mit der ich mich an manchen Tagen auf die Arbeit schleppen musste, weil ich einfach, wirklich, eindeutig, absolut keine Lust hatte. Auch die weltbeste Kollegin konnte mich nicht immer locken.
Oder.
Das überwältigende Gefühl von Einsamkeit. Trotz Familie in der Nähe. Trotz wunderbarer Freunde, die alles für mich stehen und liegen lassen würden. Die mich verstanden. Aber scheinbar hat doch etwas gefehlt.
Oder.
Das Hügelhinaufgekeuche. Ernsthaft. Es hat super viel für meine Kondition und für meinen Po (!) gemacht, aber anstrengend war das, meine Güte. Mit dem Rad den Berg hinunterrasen zum Einkaufen? Super! Mit dem Gepäck wieder hinaufkriechen? Hölle! Wie oft habe ich die Lage unserer Wohnung verflucht?
Oder.
Die Vorfreude auf einen neuen Ort. Mein alter Wohnort war herrlich, ja. Aber die Welt da draußen war immer so groß und verheißungsvoll. Während dieses Jahres nicht enden wollender Sommerferien, hat mich der Norden dauernd gerufen. Und ich habe mich doch gefreut!
Oder.
Der Ärger über ungespültes Geschirr in der Wg-Küche und immer dieser eine Mitbewohner, der sich chronisch vom spärlichen Putzplan überfordert fühlte.
Oder.
Der nervige Nachbar.
Oder.
Der gruselige Heimweg bei Nacht.
Oder.
Die genervten und gestressten Menschen auf den Straßen.
Oder.
Die allwöchtentlichen Fußballspiele, die die Straßenbahnen und Bahnhöfe mit grölenden Menschen füllten, die jegliches normales Verhalten für den Tag abgelegt haben.
Oder.
Oder.
Oder. Oder. Oder.

Würde es nicht mehr Sinn machen, die positiven Momente stärker zu zelebrieren?

So weh es mir tut, meine eigene perfekte Blase von der güldenen Vergangenheit platzen lassen zu müssen – so gülden war sie nicht immer.
Woraus sich unschwer schließen lässt: So grau ist die Gegenwart nicht.
Menschen sehen einfach so gern Extreme. Und wenn etwas nicht superdupermegaawesome ist, dann ist es eben der Armageddon. Was aber die ungesündeste Angewohnheit ist: dieses Schwelgen im Negativen. Negatives prägt sich einfach so fest und einfach ein. Sind das unsere Überlebensinstinkte? Die Fühler immer ausgetreckt – denn um uns vor Schaden bewahren zu können, müssen wir ihn erst aufspüren? Würde es nicht mehr Sinn machen, die positiven Momente stärker zu zelebrieren, um uns mit ihrer Hilfe für alles, das kommen könnte, zu wappnen, zu stärken, abzusichern? Um uns dann erinnern zu können: Schau doch mal, es war schon so viel besser. So kann und so wird es wieder werden. Der Ort spielt dafür keine Rolle. In der schönsten Stadt der Welt kann man trotzdem unglücklich sein. Auf dem traurigsten Flecken gibt es immer noch Menschen, die lachen können.

Also. Für mehr Aufmerksamkeit gegenüber den kleinen und großen schönen Momenten! Denn die vermeintlich graue Gegenwart könnte in einem Jahr schon die gläzende Vergangenheit sein, der wir hinterhertrauen werden. Weil wir jetzt einfach nicht einsehen können, wie gut wir es haben.

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