Jubiläum: Ein Jahr Angststörung

Es ist verrückt, wie sehr sich mein Leben innerhalb des vergangenen Jahres verändert hat. Ein bisschen beängstigend, ja. Aber vor allem: irgendwie tröstend. Weil ich weiß, dass es immer irgendeine Lösung gibt. Und nichts so heiß gegessen werden muss, wie es gekocht wird. Man muss nur lernen, wie man die Suppe möglichst schnell runterkühlen kann.

Ende April 2016:

Ich lebe seit etwa zwei Monaten rund 750 Kilometer von meinem ehemaligen Wohnort entfernt. In einer wundervollen Stadt, in der ich aber noch kaum jemanden kenne – abgesehen von meinem Freund, mit dem ich erstmals zusammengezogen bin. Seit fast einem Monat arbeite ich an meinem Arbeitsplatz. Es ist eine Stelle, auf die ich jahrelang hingearbeitet habe. Ich pendle täglich fast eine Stunde pro Strecke. Nicht, weil ich wirklich so lange fahren müsste. Sondern weil ich mich während der Autofahrt immer wieder schlecht fühle und pro Strecke mehrfach halten muss. Luft holen. Meine Hände ausschütteln, weil Ameisen durch meine Finger zu stampfen scheinen. Die Arbeit macht mir Spaß! Die Kollegen sind nett. Ich bin nur so furchtbar unsicher und das Aufwachen am Morgen ist schwer. Aber das ist doch sicher normal, oder? Neue Stelle, neues Leben, neue Herausforderungen? Alles muss super laufen. Ich bin Perfektionistin und erwarte mehr von mir, als mein Arbeitgeber.

Dann: Die erste Panikattacke während einer Konferenz. Ich weiß noch gar nicht, was das ist. Arztbesuche. Vergebliche Versuche, wieder auf die Arbeit zu kommen. Meist breche ich aber schon in der Wohnung unter Tränen zusammen. Oder bekomme während der Autofahrt keine Luft mehr. Ich werde krankgeschrieben.

Das vergangene Jahr:

Arztbesuche, ich erhalte meine Diagnose, fange an, „Angststörung“ bei Google einzugeben. Immer wieder. Lese Blogbeiträge. Zeitungsartikel. Bücher. Sehe mir Videos an. Und bin verzweifelt. Ich will das nicht.

Ich beginne eine Verhaltenstherapie und mag meine Therapeutin auf Anhieb. Große Erleichterung! Aber große Probleme, meine Erkrankung zu akzeptieren. Ich verheimliche sie so gut wie möglich. Vor meinen Freunden. Vor meiner Familie.
Ich weine viel. Sehe viel schwarz. Verbringe die meiste Zeit innerhalb der Wohnung, denn allein traue ich mich nicht nach draußen. Ich zweifle. Suche den Sinn. Finde ihn nicht. Mag alles nicht mehr. Will nur weinen und essen und weinen und essen.

Mein Freund ist so eine große Stütze! Meine Güte, wenn ich ihn nicht gehabt hätte… Wir gehen nach draußen. Er setzt sich ans Steuer (ich kann einfach nicht. Panikattacken). Er streicht mir über den Rücken, wenn ich während einer Panikattacke in meine Tüte atme. Er tröstet mich stundenlang. Wieder und wieder. Und wieder.

Dann traue ich mich langsam mehr. Gehe allein spazieren. Einkaufen. Mache Sport. Immer wieder keimt die Panik auf. Aber die Therapeutin sagt, da müsse ich durch. Das verstehe ich. Vermeidung der Angstsituationen sorgt für noch mehr Angst. Also traue ich mich. Und weine. Und mache weiter.

Ich spreche mit meinen Eltern und sie reagieren absolut entspannt. Warum hatte ich mir nur solche Sorgen gemacht? Ich vertraue mich einigen Freunden an.
Dann Reha. Eine wichtige Erfahrung. Danach traue ich mich noch mehr. Und ganz wichtig: Gestehe mir endlich ein, dass ich nicht an meinem aktuellen Job festhalten sollte. Weil er mich nicht glücklich macht. Weil er zu diesem Zeitpunkt womöglich nicht das ist, was für mich richtig ist. Ich kündige. Und fühle mich gut, aber fürchte mich vor der ungewissen (finanziellen) Zukunft. Ich suche noch immer nach Sinn. Nach dem, was ich wirklich machen will. Wo finde ich das bloß?

Aber: Ich gehe unter Menschen. Rede. Fahre Fahrrad. Plane. Gehe ins Tierheim. Schreibe. Lache. Die Stimmung hellt sich auf.

Heute:

Alles war schon mal gut. Ich weiß, wie es war. Und ich weiß, dass es wieder gut werden muss. Und nicht nur „wie früher“. Dann hätte ich aus dieser Zeit doch nichts gewonnen. Es wird besser als früher. Das ist es jetzt schon oft genug.
Dieser Gedanke macht mir ganz schön viel Mut. Und half mir dabei, mich enorm – ich meine ENORM – zu entspannen. In mich zu vertrauen. Und darauf, dass alles irgendwie klappen wird. Ja, ich habe das unglaubliche Glück, einen Partner an meiner Seite zu haben, der zu mir steht und mich unterstützt. Nicht nur emotional, sondern auch finanziell.

Aber als ich mich entspannte, meine Erwartungen an mich weit herunterschraubte – und das war überhaupt nicht leicht, das kann ich euch sagen! – und Last von meinen Schultern hinunterwarf, da hellte sich auch meine Stimmung auf. Die Angst meldete sich seltener. Und ich sah viel klarer. Ich sah Lösungen, wo ich davor nur diese lauernden Probleme erkannte, die mich wie schwarze Löcher anzuziehen schienen. Und immer wieder tauchte ein neues auf!

Heute. Ich bin dankbar für die Erfahrungen des vergangenen Jahres. Anscheinend musste ich enorm geschwächt werden, um anschließend an Stärke gewinnen zu können. Um klarer sehen zu können und endlich aus dieser komfortablen Ecke herauszukommen, in die ich mich verrannt hatte.
Meine Einstellung hat sich gewandelt. Ich bin ruhiger. Ich versuche mehr auf mich zu achten. Mich an erste Stelle zu stellen. Denn erst wenn es mir gut geht, kann ich mich um andere kümmern. Oder um einen Job. Den habe ich nun übrigens. Er hat nichts mit meinen Studienfächern zu tun und es fällt mir noch immer schwer, das anzunehmen. Mich nicht wie eine Versagerin zu fühlen. Aber ich fühle mich so wohl, liebe die Arbeit und die Kollegen.
Ich bin nicht geheilt. Aber ich arbeite weiterhin an mir und freue mich auf das, was die Zukunft für mich in petto hat. Denn ich sehe keine schwarzen Löcher mehr, sondern viele Abenteuer, auf die ich richtig Lust habe. Ihr auch?

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