Ein neues Kapitel (Rehatalk #1)

Die Zeit zwischen Antrag auf Rehabilitation und dem eigentlichen Beginn des Klinikaufenthalts war für mich bisher eine wilde Achterbahnfahrt: Vorfreude und Hoffnung auf Besserung, Angst vor der Anreise, Angst vor den Mitpatienten, Interesse an den persönlichen Geschichten anderer, Angst vor eben diesen Geschichten, Überforderung, Vorurteile, Aufregung.

Das Schleudertrauma sollte sich bald legen, denn kommende Woche geht es los.

Einige wenige Menschen kenne ich, die bereits eine Reha hinter sich haben. Was ihnen allen gemein ist: Sie kamen erholt und zufrieden zurück und überhäuften ihre Einrichtung mit lobenden Worten. Darum ist es mir eigentlich unbegreiflich, wieso sich dieser dunkle Schatten in den verborgenen Gängen meines Gehirns festgesetzt hat, der so viele negative Vorurteile zu einem Rehaaufenthalt in petto hat.

Mit „Reha“ verband ich bisher eine unbequeme Klinik, gestresste Patienten, schlechtes Essen und schieres Durchdrehen, weil man sich tatsächlich einmal ernsthaft mit seinen Problemen auseinandersetzen muss. Ich dachte an verriegelte Türen und Schatten, die nachts über die Gänge huschen. An Geräusche, die ich nicht einordnen kann und weit entfernte, dumpfe Schreie. Eindeutig ist das alles also meiner Kindheit entwachsen, in der ich zu viele Schauerfilme angesehen und offensichtlich schlecht verarbeitet hatte. Natürlich wusste ich, dass das wirre Phantasien sind. Und dennoch schwang bei dem Wörtchen „Reha“ in meinen Ohren stehts etwas Bedrohliches mit.

Nachdem ich mich auf den kommenden Aufenthalt vorbereitet habe, konnte ich diese Befürchtungen glücklicherweise über Bord werfen und mich der Idee öffnen, dort lehrreiche Wochen zu verbringen, an mir zu arbeiten und spannende Menschen kennenzulernen.
Nicht nur das: Ich bin höchstmotiviert. 
Ich bin bereit, aus meiner Ecke herauszuklettern. Mich etwas zu trauen. Mir weniger Sorgen um die Meinung anderer zu machen – sprich: mich meinen sozialen Ängsten zu stellen. Ich will noch mehr Acht auf mich geben; auf meinen Körper und meine Seele. Ich will auf mich hören, auf meine Wünsche. Ich will das Therapieangebot so gut wie möglich nutzen. Ich will lachen, vermutlich auch weinen. Ich will laufen und schwimmen und wandern und hüpfen. Ich will fit genug werden, um allmählich wieder in meinen Beruf einzusteigen. Ich will mehr Offenheit und Vertrauen erlernen. Und vor allem: Akzeptanz. Ich nehme mich und die Angst so an, wie sie ist. Aber trotzdem sehe ich noch einen Weg vor mir, der ganz schön weit den Berg hinaufführt. Im Grunde will ich eines: zurück ins Leben.

Fünf Wochen klingen wie eine ziemlich kurze Zeit, wenn ich all diese Ziele vor mir sehe, die im Übrigen noch auf ihre konkrete Ausformulierung warten. Und ich bin Realistin genug, um in diesem Aufenthalt kein magisches Heilmittel zu sehen.
Aber was mich erwartet sollte genug sein, um den Motor zum Laufen zu bringen. Vielleicht ist so ein Katalysator jetzt genau das, was ich brauche.

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