Mein Feind, die Wohnungstür

Wie aufregend eine neue Stadt sein kann! Ich hatte unglaublich viel vor nach dem Umzug: Dank meines Berufs jede Menge erleben, Vereinen beitreten, mich ehrenamtlich engagieren, Freundschaften schließen und Tiere pflegen. Der Plan gefiel mir. Nur steht all dem seit Beginn der Angststörung stets eines im Weg: die Wohnungstür. 

Wo liegt das Problem?
Einer der wenigen Orte, an denen ich größtenteils von Panikattacken verschont werde: meine vier Wände. Anfangs haben mich die Attacken auch hier heimgesucht, aber mit der Zeit ist die Häufigkeit stark zurückgegangen, bis ich mich zuhause komplett sicher fühlen konnte. Und diese Sicherheit ist es, die mich davon abhält, am Leben teilzunehmen.

Was ich unterwegs brauche, sobald ich Angst und insbesondere Panik aufsteigen spüre: die Flucht.
Flucht in meine Wohnung, wo ich mich hinlegen, mich setzen kann. Flucht dorthin, wo ich isoliert bin und mich nicht blamieren kann – wer will schon in aller Öffentlichkeit hyperventilieren? Das Bewusstsein verlieren? Sich übergeben?
Es ist eine Flucht an einen Ort, an dem ich mich ausnahmslos wohl fühle. Und sie ist der Ort, an dem sich mein Freund mit Abstand am häufigsten aufhält. Also ist es gewissermaßen auch eine Flucht in seine warmen, tröstenden Arme.

Natürlich gilt im akuten Panikfall: Jede Fluchtmöglichkeit ist gut genug. Selbst wenn ich nur den Bus verlasse und die Fahrt abbreche. Wenn ich meinen Korb im Supermarkt allein auf dem Gang stehen lasse, um mit leeren Händen Richtung Ausgang zu eilen. Die Flucht beruhigt mich – die Panik legt sich, das Herz bremst wieder ab und ich kann ruhig atmen.

Aber. Es hat nur wenige Augenblicke gedauert, bis ich gemerkt hatte: Die effektivste Flucht ist die, die gar nicht erst aktiv eingeleitet werden muss. Denn solange ich an meinem sicheren, isolierten Ort bin, kommt die Panik kaum noch auf. Daher: das Wohnungstürdilemma.
Das Passivbleiben und Verkriechen. Auch Flucht.

Das Paradoxe dabei ist, dass all die Gründe, aus denen ich jedes Mal fliehe – die potenzielle Blamage in der Öffentlichkeit, die drohende Bewusstlosigkeit und das genüssliche Übergeben -, noch kein einziges Mal eingetreten sind. Nie. Egal wie stark meine Angst und wie mächtig die Panikattacke sein mochte. Würde es sich also nicht lohnen, den Fluchtimpult einmal zu unterdrücken? Endlich vor die Tür zu gehen und zu leben? Was wäre denn das Schlimmste, das passieren könnte? Selbst wenn ich mich mitten auf der Straße übergeben würde – na und? Dann hätte vielleicht jemand beim Abendessen etwas zu erzählen. Und weiter? Nichts.

Wenn ich aufstehe und um die Ecke gehe, kann ich sie sehen: Da, am Ende des kurzen Flures blickt sie mich an. Die Tür sieht gut aus. Als würde sie etwas gemütliches rahmen. Meine Komfortzone. Den Ort, an dem jede Flucht endet. Die Klinke ist kalt, so wie der Tag da draußen.

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