Trotzdem ich?

Schon unzählige Male geschehen, schon durch unzählige Menschen erlebt: Man kennt sich, sieht sich regelmäßig. Weil man zusammen zur Schule geht, studiert, arbeitet, im Verein tätig ist. Man versteht sich super, lacht, weint, erlebt Abenteuer und schafft Erinnerungen. Und dann ändert sich das. Nicht plötzlich. Eher schleichend; ein Auseinanderleben. Weil man die Schule gewechselt hat. Weil man das Studium beendet und in eine neue Stadt zieht. Weil man keine Zeit für einander finden kann. Weil sich die Interessen ändern und man immer weniger gemeinsam hat.

Was früher eine Freundschaft war, so fest, dass man nie daran gedacht hätte, dass sie zerfallen könnte, ist jetzt nur noch eine entfernte Bekanntschaft und im Grunde weiß man nichts mehr über einander zu berichten.

So geht es mir gerade. Mit einer Person, die über 20 Jahre lang ein fester Teil meines Lebens war und jemand, den ich in- und auswendig kannte. Um wen es geht? Um mich selbst.

Seit die Angststörung in mein Leben getreten ist, erkenne ich mich nicht wieder. Wenn ich in den Spiegel sehe, dann blicken mir Zweifel und Sorgen entgegen. Angst vor Dingen, die ich früher niemals mit diesem Gefühl in Verbindung gebracht hätte. Ich traue mir kaum etwas zu. Ich verkrieche mich. Wenn das Telefon klingelt, will ich nicht abheben und die Schlange an der Supermarktkasse zählt zu meinen größten Feinden. Ich kann nicht mehr arbeiten. Ich male den Teufel an die Wand und ich sehe schwarz.
Wer ist diese Person? Zu wem gehört dieser Blick, diese Kleidung; zu wem die Zweifel und Grübeleien?

Anfangs konnte ich diese Veränderungen nicht akzeptieren. In meinen Augen hatte ich versagt. Irgendwo auf dem Weg zu der geplanten erfolgreichen Zukunft musste ich falsch abgebogen sein. Ich war gescheitert und wütend. Auf mich.
Bis ich endlich merkte, wie absurd diese Gedanken waren. Wäre ich wütend auf eine gute Freundin, der mein Schicksal widerfahren wäre? Nein, ach wo! Sie würde mir leid tun. Ich würde versuchen, ihr nach bester Möglichkeit zu helfen!
Wäre ich wütend auf mich, hätte ich ein gebrochenes Bein? Nein. Und auch nicht, wenn ich eine chronische physische Erkrankung hätte. Wieso sollte ich mir auch etwas vorwerfen? Habe ich mir das etwa ausgesucht? Ich kann doch nichts dafür!

Eben.

Für eine psychische Erkrankung kann ich ebenso wenig wie für eine physische. Ich habe sie nun. Ich versuche, an ihr und an mir selbst zu arbeiten. Ich werde Erfolg haben und dadurch wachsen. Stärker werden. Das weiß ich. Aber bei all dem bin ich trotzdem noch immer eines: Ich.

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