Prolog

Eigentlich ist alles gut, als mein Herz plötzlich zu rasen beginnt und mir die Luft wegbleibt.
Ich sitze in einer Versammlung, über die ich für meine Zeitung berichten soll: u-förmig angeordnete, blankpolierte Tische. Lokalpolitiker. Eine Powerpoint-Präsentation, Krawatten und teure Anzüge und in meinen Fingern beginnen die Ameisen zu tanzen; vor meinen Augen schwirren dunkle Flecken. Ich höre längst nichts mehr, sondern versuche meine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen.

Bloß nicht das Bewusstsein verlieren. Bloß keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Wie gern hätte ich jetzt einen Schluck Wasser; doch vor mir steht nur Kaffee und der würde mir nicht weiterhelfen. Im Gegenteil. Das Herz droht entweder aus meiner Brust zu springen, oder nach einem Stolperer aufzuhören. Da stimmt etwas gehörig nicht, geht mir noch durch den Kopf, als ich merke, dass mir das Bewusstsein entgleitet und ich panisch in die Runde rufe. Ich müsste nun raus. Entschuldigung. Mir gehe es nicht gut. Entschuldigung. Ich bräuchte frische Luft.

Ich verlasse den Versammlungsraum und stolpere die Stufen in die Eingangshalle hinunter, durch die Schiebetür und hinaus auf den Parkplatz, wo die Wasserflasche in meinem Auto liegt. Meine Hände zittern, der Schweiß rinnt mir zwischen den Schulterblättern, als ich einige Runden auf dem Parkplatz drehe, mich ins Auto setze und mit Schrittgeschwindigkeit in die Redaktion zurückfahre. Es gehe mir nicht gut. Ob er mir etwas Süßes für den Kreislauf holen solle, fragt der Kollege.

Doch es ist nicht der Kreislauf. Es ist anders. Das spüre ich.

30 Kilometer entfernt macht sich mein Freund auf den Weg, um mich abzuholen. Auto fahren kann ich nicht und das soll noch lange so bleiben. Was auch bleibt: die Anspannung, die Nervosität, das Herzrasen. Scheinbar aus dem Nichts bleibt mir die Luft weg, überkommt mich die Todesangst. Ameisen laufen durch meine Arme, meine Beine. Meine Finger werden taub, meine linke Gesichtshälfte fühlt sich fremd an und ich habe Angst. Angst vor einer Herzattacke. Einem Schlaganfall. Angt vor dem Alleinsein. Ich bekomme Angst vor der Angst. Sie hindert mich am Arbeiten. Am Telefonieren. Am Rausgehen. Am Träumen. Sie hinterlässt eine ozeantiefe Verzweiflung und die Befürchtung, versagt und mein Leben verloren zu haben. Die Angst hat einen Keimling in mich gesetzt und der scheint zu wachsen.

Zum ersten Mal gestehe ich mir ein: Da komme ich allein nicht raus.

Von nun an begleitet mich nicht nur die Angst, sondern auch meine Allgemeinärztin und Psychotherapeutin und wir versuchen, die Angst von der Bühne zu holen und wieder dorthin zu leiten, wo sie hingehört: auf einen Zuschauerplatz, im hinteren Drittel des Theaters.

Advertisements

One thought on “Prolog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s